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Die Frau / La femme

Die Frau

Die Frau spielt im französischen Leben aller Volkskreise eine ausserordentlich grosse Rolle. Wie sie auf dem Lande als Bäuerin im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Kreislaufs steht, so ist sie auch aus dem Leben der Weltstadt nicht wegzudenken. Die Pariserin ist besser als ihr Ruf. Sie steht in keinem Falle dem Manne an Tatkraft oder Zielstrebigkeit nach. In den meisten Fällen ist sie ihm sogar an Beständigkeit der Leistung und des Fühlens überlegen. Die Pariserin ist eine gule Hausfrau. Sie ist sparsam und dreht den Pfennig zweimal um, ehe sie ihn ausgibt. Dem Hang der Pariserin zur Koketterie, zum Spiel mit ihren weiblichen Reizen stehen anderseits starkes Hinge¬bungsbedürfnis, ausgeprägter Familiensinn und zärtliche Liebe zu Kindern gegenüber, Tugenden, die die Trägerin nicht hindern, auch um ihre geistige Vervollkommnung durch Lektüre und Geschmackspflege bemüht zu sein. Die Frau, auch in Paris, ist in jedem Falle Herz und Kopf der Familie. Hier und im gesell¬schaftlichen Leben herrscht sie souverän. Sie überlässt es dem Manne, im öffentlichen Leben, in Politik, Handel und Industrie das Wort zu führen. So wirkt die Pariserin weniger als aktiv handelndes Element. Dafür ist sie in der Kulisse umso stärker und nachhaltiger als beratender und beeinflussender Teil wirksam. Nietzsche sagte schon : « Der Franzose denkt über das Weib nicht immer orientalisch. » Die Zusammenhänge zwischen französischer Innenpolitik und Frauentum* sind bezeichnend für die französische Staatskunst seit den Tagen Franz I. und Heinrichs IV.
Kein eingizer französischer Machthaber blieb den Reizen gegenüber, die weibliche Künste direkt oder indirekt ausübten, unzugänglich. Dabei gab es sicherlich unter den Frauen, die Frankreichs Schicksal mit bestimmten, ganz hervorragende Gestalten. Die stolzeste und berühmteste unter ihnen, die Jungfrau von Orleans, überragt sie alle als Ideal, in dem sich das erwachende französische Nationalgefühl verkörpert. Ihr wird in Frankreich eine Verehrung gezollt, die sich in der Verschmelzung von Nationalstolz, Religion und Frauenkult (Marienkult) eine typisch französische Form gegeben hat.
Schönheit ist ein relativer Begriff. Das Schönheitsideal der Pariserin ist von dem unsrigen schon darum verschieden, weil der Französin die sportliche Durchbildung fehlte. Ansätze zu einer rassebewussten Erneuerung des ' Schönheitsbegriffes machen sich in der weiblichen Jugend Frankreichs bemerkbar. In jedem Falle aber ist ein natürlicher « charme » (Liebreiz) der Pariserin nicht abzusprechen. Wobei Scharm nicht bloss der Ausdruck für körperliche Reize ist, sondern für jene unbestimmbare Mischung von körperlichen, geistigen und seelischen Eigenschaften, die erst durch ihr Zusammenwirken den Erfolg verbürgen.
Was der Pariserin als unentbehrliche Stütze für die Wirkung auf den Mann dient, ist nicht zum wenigsten der « chic », mit dem sie sich kleidet. Es ist dieses Wort der für Paris treffendste Ausdruck jener Begabung und Vorliebe, die die Französin im allgemeinen für Mode hat. Die Pariserin versteht es, aus einem Nichts ein entzückend-zierliches und ldeidsam-fesches Etwas zu machen. Dabei sieht sie weniger auf Gediegenheit und Halt¬barkeit des Produkts, als auf individuelle Besonderheit dessen, was sie wählt und trägt. Sie liebt es, zu jeder Saison einen neuen Hut und ein neues Kleid zu besitzen und sich mit kleinen modischen Kniffen stets « aktuell » aufzumachen. Lippenrot, Puder und Kohlestift spielen dabei eine nicht geringe Rolle. In diesem durch Geschmack und Koketterie gezogenen Rahmen steht der Pariserin so ziemlich alles. Selbst das verrückteste Hutgebilde sieht auf ihrem kapriziösen, verliebt dreinschauenden Köpfchen ganz drollig und anziehend aus. Wie die gewählte Sprache der Pariserin als Zeichen von Bildung gilt, so wird das gepflegte Kleid als Ausdruck verfeinerten Geschmacks betrachtet. Die von Franzosen selbst betonte Liebe zu Gleich-gewicht und « mesure » (Mass) herrscht aber auch hier nicht immer unangefochten. Oft lächerliche Uebertreibungen wider sprechen dem, was die Französin unter « bon goüt » (Ge-schmack) und « juste milieu » (Masshalten) versteht. Dass Mode auch in Wien und Berlin gemacht werden kann, wird der Französin erst nach geraumer Zeit dämmern. Vorläufig ist nach ihrer Ueberzcugung Paris die führende Stadt des Luxus und der Mode in der Welt. Die « haute couture » (Modeschneiderei) in Paris, die nach dem Weltkriege die ganze Welt mit den nach raffinierten Entwürfen geschaffenen Kostümen versah, hat durch den tragischen Zusammenbruch einen Schlag erlitten, von dem sie sich nur schwer erholen wird. Viele Midinetten und Catherinetten wurden über Nacht brotlos. Sie wurden hier ebenso gefeiert wie die Schauspielerinnen, wenn sie auch nicht im grellen Rampenlicht standen. Ihnen ist ein Tag im Jahr für die symbolische Ehrung des Fleisses weiblicher Handarbeit gewidmet. Dann werden die bekannten Strassen des Mode¬viertels mit Girlanden und sonstigem Flitter behängen, unter dem die Midinetten mit ihren Papierhauben Arm in Arm hindurchziehen bis zum Abend, wo sie sich im Montparnasse und im Montmartre zusammenfinden. Wer Midinette sagt, hat damit einen besonderen Typus der Pariserin bezeichnet, der in Roman, Drama und Lyrik der letzten 150 Jahre eine Rolle spielte. Die Mimi in Henri Murgers Roman « Scenes de la vie de Boheme » ist der Inbegriff vertrauensvoller Hingabe und harmlos heiterer Sinnenfreude. Im Auslande wurde diese Art Mädchen aus dem Volke ebenso oft verlästert und verkannt wie die Pariserin überhaupt. Man übersah, welche Fülle von Fleiss, welches Uebermass von Anstrengung' hinter einem einzigen unbeschwerten, fröhlichen Abend standen, den ein solches Mädchen im Kreise von Freunden und Freundinnen verbrachte.
Dass die Liebe zu den tiefsten Erlebnissen des irdischen Schicksals gehört, ja, dass sie das Leben einer Frau vollkommen ausfüllen kann, wird von niemandem eindringlicher verkündet als von französischen Dichtern. Seit dem frühesten Mittelalter über das klassische Jahrhundert Ludwigs XIV. hinweg bis indie Romanliteratur des 19. J. mit den Sternen erster Grösse Balzac, Maupassant und Zola legt das französische Schrifttum Zeugnis davon ab, dass das Liebesieben für die Französin zu den bestimmenden Eindrücken gehört. Aber gleichzeitig lehren lins auch diese Quellen, dass es mit der Liebe, diesem schil¬lernden Begriff, in Paris zumeist eine andere Bewandtnis hat als überall sonst in der Welt. Liebe bedeutet hier zumindest etwas anderes als in Deutschland. Man könnte eine Psychologie der beiden Nachbarvölker geradezu aus dem Unterschied ableiten, der zwischen den Vokabeln « Liebe » und « amour » besteht. « Liebe » im Deutschen ist der Minne verwandt und eine geheimnisvoll wirkende, oft in mystischen Wesenstiefen gründende Schicksalsmacht, der sich der Einzelne blindlings zu unterwerfen hat. « Amour » ist etwas Diesseitiges, Ratio-nalistisches. Sie geht nicht so sehr vom Seelischen als vom Physischen aus und steht in recht enger Verbindung zum « plaisir ». « L’amour » ist Zivilisation und verwandt mit den Reizen des Essens und Trinkens, dem Spiel des Geistes, dem Genuss einer gepfefferten Unterhaltung. Sie ist eine Funktion, aber kein Selbstzweck. Und darum strebt sie auch nicht nach Ewigkeit. Die Skepsis, die die Pariserin selbst in einer langen, glücklichen Ehe in Bezug auf Beständigkeit des Empfindens, auf Treue und Anhänglichkeit an den Tag legt, bestätigt den mehr sinnlichen, ungebundenen, vergänglichen Charakter, den die « amour » auf den Lippen und im Herzen des Franzosen hat. Natürlich sind auch in Frankreich Ausbrüche der Liebe bis zu einer tragisch gesteigerten Leidenschaft und dämonischen Ausschliesslichkeit des Gefühls nicht selten. Dann sprengt das Erlebnis den Rahmen des unmittelbaren Bedürfnisses, des flüchtigen Genusses, der koketten Eitelkeit und müssigen Selbstbespiegelung. Daher stammt der oft schroffe Wechsel vom blossen Getändel zum erschütternden Drama. Sogenannte Liebesaffären schlagen dann plötzlich in blutige Tragödien um Es scheint kein Ausweg mehr möglich als Tod, Mord und Tränen. Frankreich, das Land der Jungfrau von Orleans, das Land der keuschesten Hingabe an Religion und Kirche, ist anderseits der Schauplatz vieler « crimes passionnels » (Verbrechen aus Leidenschaft), bei denen die Stimme eines tieferen Geschehens in Schicksal und Glaube aufklingt. Frankreich ist wie in so vielem anderen ein Land der Gegensätze und Widersprüche. In dem teils heiter sinnenfreudigen, teils ernst berufstätigen und scliaffenslustigen Wesen der Pariserin spiegelt sich dieser Widerspruch, der in der völkischen Eigenart des französischen Menschen wurzelt.

Schulz-Wilmersdorf, Oberleutnant - Paris deutsch gesehen
Paris , 1940


Вся книжка здесь . Мне статья про француженок понравилась.
Tags: 1940-е, france, germany, ww2
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